Titelbild der Folge über zehn DDR-Betriebe, die nach der Treuhand-Privatisierung verschwanden

Betriebe-Register: Was die Treuhand aus ihnen machte

Die Treuhandanstalt verkaufte in wenigen Jahren die gesamte Industrie eines Landes. Dieses Register hält fest, was aus einzelnen Betrieben wurde – mit Beschäftigtenzahl, Käufer und Datum. Nicht jeder Fall ist ein Skandal, und genau deshalb steht bei jedem dabei, was belegt ist und was bestritten wird.

Stand: 10. August 2026 · 10 Betriebe erfasst. Das Register wächst mit euren Hinweisen – siehe Mitmachen.

Von euch ergänzt 1 Hinweise

  • Riesa – mehrere Betriebe genanntAus Riesa kamen Hinweise auf mehrere verschwundene Betriebe, dazu das Angebot, mit Zeitzeugen zu sprechen. Wir prüfen die Angaben und tragen sie hier ein, sobald sie belegt sind.Hinweis von einem Zuschauer, Riesa · offene Frage · eingetragen am 11. August 2026

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Was versprochen war

Die Käufer der Treuhandbetriebe sagten zusammen rund 170 Milliarden D-Mark an Investitionen zu – für 1,1 Millionen Arbeitsplätze im Osten. Von über vier Millionen Arbeitsplätzen blieben am Ende verbindliche Zusagen für etwa anderthalb Millionen.

Die Treuhandanstalt war die größte Holding der Welt: 8.500 Betriebe, über vier Millionen Beschäftigte – und ein politischer Auftrag, der aus einem Wort bestand: schnell. Für die Prüfung eines Käufers blieben oft Tage. Wer einen Betrieb wollte, brachte einen Plan mit und eine Zahl von Arbeitsplätzen, die er versprach. Diese Zusagen wurden vertraglich festgehalten. Ihre Einhaltung wurde kaum überwacht. Aus dieser Lücke sind mehrere der folgenden Fälle gebaut.

Das Register

BetriebOrtBeschäftigteWas geschahAusgang
Rotkäppchen SektFreyburgAnfang 1993 an das eigene Management verkauft: 60 % an fünf Manager, 40 % an eine westdeutsche UnternehmerfamilieÜberlebt – ab 1995 meistverkaufter Sekt im Osten, ab 2001 bundesweit
Automobilwerk Eisenach (Wartburg)EisenachLetzter Wartburg am 10. April 1991; seit 1956 rund 1,6 Millionen Fahrzeuge gebautMarke beendet, Standort mit westlichem Kapital fortgeführt
Sachsenring (Trabant)Zwickaurund 11.000Letzter Serien-Trabant am 30. April 1991; über 3 Millionen Stück seit 1957Liquidation im Dezember 1993 beschlossen
Pentacon (Praktica)Dresden5.600Nach monatelanger Kurzarbeit Kündigung für alle BeschäftigtenBis Ende 1990 stückweise liquidiert
SKET SchwermaschinenbauMagdeburgrund 30.000 (1989)18 Werke; 1990 noch 19.000, Ende 1991 noch 7.900 Beschäftigte; erste Privatisierung scheiterte nach zwei Jahren1996 Liquidation
Interflugrund 2.900Lufthansa-Beteiligung im Mai 1990 vom Bundeskartellamt untersagt; über 1 Mrd. D-Mark Schulden, veraltete FlotteLiquidationsbeschluss 7. Februar 1991, letzter Flug 30. April 1991
Robotron68.000 (1989)Größtes Elektronikkombinat der DDR, 21 Betriebe, 12,8 Mrd. Mark Umsatz; am 1. Juli 1990 aufgelöstWeniger als 5 % wechselten in Nachfolgeunternehmen derselben Branche
WärmeanlagenbauBerlin1.2251991 für 2 Mio. D-Mark an die Schweizer Chematec mit 42 eigenen Mitarbeitern; 700 Arbeitsplätze garantiertAm Ende fehlten knapp 150 Mio. D-Mark; Schuldenlast fast 100 Mio.
Kaliwerk Thomas MüntzerBischofferodeAb 1. Juli 1993 Hungerstreik, 81 Tage; Zusammenführung der Mitteldeutschen Kali AG mit der BASF-Tochter Kali und SalzVon rund 30.000 Beschäftigten der ostdeutschen Kaliindustrie behielten etwa 1.000 ihre Arbeit
MTW-SchiffswerftWismarAugust 1992 an die Bremer Vulkan Verbund AG; rund 850 Mio. für den Osten bestimmte Mittel flossen über das Konzern-Cash-Management abBremer Vulkan 1996 in Konkurs; Ermittlungen, keine Verurteilung
Zehn Betriebe aus der Treuhand-Folge. Gedankenstrich bedeutet: hier nicht belegt. Stand: 10. August 2026.

Vier Fälle, die das Muster zeigen

Rotkäppchen – der Gegenbeweis

Diesen Fall sollte man kennen, bevor man die anderen bewertet. Anfang 1993 verkaufte die Treuhand die Sektkellerei in Freyburg an das eigene Management; zuvor hatte sie rund sieben Millionen Euro Kredit in neue Anlagen gesteckt. Ab 1995 war Rotkäppchen der meistverkaufte Sekt in den neuen Ländern, ab 2001 bundesweit. Später kaufte die Kellerei westdeutsche Traditionsmarken. Es ging also – und deshalb ist der Satz „das war eben nicht anders möglich“ bei den übrigen Fällen keine Erklärung, sondern eine Behauptung.

Wärmeanlagenbau Berlin – gekauft mit dem eigenen Geld

1.225 Beschäftigte, verkauft 1991 für zwei Millionen D-Mark an eine Schweizer Firma mit 42 eigenen Mitarbeitern. Laut den Aufarbeitungsberichten holte sich die Käuferseite diese zwei Millionen aus dem Vermögen des gekauften Betriebs zurück. Garantiert waren 700 Arbeitsplätze. Am Ende fehlten dem Betrieb knapp 150 Millionen D-Mark, zurück blieb eine Schuldenlast von fast 100 Millionen. Eine Firma wurde mit dem Geld gekauft, das in ihrer eigenen Kasse lag.

Interflug – wo die Gegenrechnung dazugehört

Im Mai 1990 wollte sich die Lufthansa beteiligen; das Bundeskartellamt untersagte den Einstieg mit der Begründung, andere Fluggesellschaften könnten benachteiligt werden. Am 7. Februar 1991 beschloss die Treuhand die Liquidation, am 30. April hob die Interflug zum letzten Mal ab. Dazu gehört aber auch: Über eine Milliarde D-Mark Schulden und eine überalterte sowjetische Flotte, die westliche Standards nicht erfüllte. Ein Käufer hätte praktisch alles ersetzen müssen. Nicht jeder Fall in diesem Register ist ein Skandal.

Bischofferode und Wismar – was belegt ist und was nicht

In Bischofferode traten am 1. Juli 1993 zwölf Bergleute in den Hungerstreik, zwei Tage später waren es vierzig; der Streik dauerte 81 Tage. Die Kumpel waren überzeugt, ihr Werk hätte rentabel arbeiten können und sei aus strategischen Gründen geschlossen worden. Bewiesen ist das nicht, und es wird bis heute bestritten. Belegt ist die Dauer des Streiks – und dass von rund 30.000 Beschäftigten der ostdeutschen Kaliindustrie etwa 1.000 ihre Arbeit behielten.

Bei der MTW-Schiffswerft in Wismar ist die Aktenlage deutlicher: Die Treuhand-Nachfolgerin BVS sah sich um rund 850 Millionen betrogen, die über das zentrale Cash-Management des Bremer-Vulkan-Konzerns an angeschlagene westdeutsche Töchter abflossen. Die EU-Kommission verlangte die Rückzahlung, 1996 meldete der Konzern Konkurs an, die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen Subventionsbetrugs und Untreue. Verurteilt wurde niemand.

Die Folge zum Register

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Quellen

  • Deutscher Bundestag, Wissenschaftliche Dienste: Ausgewählte Aspekte zur Treuhandanstalt
  • Haus der Geschichte (LeMO): Treuhand
  • Das Parlament: Ostdeutsche Betriebe auf dem Wühltisch der Einheit
  • WirtschaftsWoche: Wie die Treuhand bei der DDR-Abwicklung versagte
  • bpb-Mediathek: Bischofferode – das Treuhand-Trauma
  • FragDenStaat: Kanzleramtsakten zur Abwicklung der DDR-Kalisalz-Industrie
  • aeroTELEGRAPH und AERO International zur Interflug

Zum Weiterlesen

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Änderungsprotokoll

  • 10. August 2026 – Register angelegt mit zehn Betrieben aus der Treuhand-Folge.
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